Europa ohne Grenzen

Ich liebe es, in Deutschland oder besser gesagt in Europa zu leben. Vor allem, da ich in einem Dreiländereck aufgewachsen bin. Aber ich sehe nicht typisch deutsch aus. Daher war ich immer schon anders. Ich weiß wie es ist, bloß wegen deines Aussehens anders behandelt zu werden. Wegen all dem berührt mich die Diskussion in Europa grade sehr. Deshalb lass mich dir erzählen was ich denke und wie es sich für mich anfühlt.

Er sieht mich an und spricht mit leicht arabischem Akzent. „Bist du Araberin?“ Ich schüttele den Kopf. „Nein, bin ich nicht.“ Er lacht. „Du siehst aber ein bisschen wie eine aus.“ Ich lächle zurück. „Ja, das höre ich öfter.“

Sarah Gläsner

Das stimmt. Ich erinnere mich, wie oft mir das schon gesagt wurde. Ich nehme es als Kompliment. Meist ist es aber eher reine Neugierde oder als Auftakt zu Small-Talk gedacht. Vielleicht denken sie auch nur, ich hätte eine spannende Geschichte zu erzählen. Von der Heimat, aus der ich komme.

Dabei ist Deutschland meine Heimat. Oder wie es sich für mich anfühlt: Europa ist meine Heimat.

Mein Aussehen hab ich von meinen Eltern. Meinem karibischen Vater aus Jamaika und meiner deutschen Mom. Ich bin in Hessen geboren, aber im Saarland aufgewachsen. Hier lebe ich immer noch. Das Saarland ist ein Bundesland, das an zwei Ländergrenzen stößt: Luxemburg und Frankreich. Ich bin mit dem Zug in 2 Stunden in Paris, mit dem Auto in knapp 1 Stunde in Luxemburg.

Wenn du hier im Saarland nicht genau aufpasst, kann es sein dass du in Frankreich bist, ohne dass du es mitbekommst. Es gibt keine sichtbare Grenze, kein Zaun und keine Mauer. Nur ein Schild weist darauf hin. Und die Tatsache dass hier die Bäckereien Boulangerie heißen und die Croissants und Baguettes viel besser sind als in Deutschland.

In Saarbrücken ist die Beschilderung zweisprachig, deutsch und französisch. Selbst die Ansagen in der Saarbahn werden in beiden Sprachen abgespielt. Aber hey, immerhin kannst du ja auch mit der Saarbahn bis Sarreguemines fahren. Du kannst mit also mit der Straßenbahn ins Nachbarland fahren.

Auf den Straßen siehst du natürlich Autokennzeichen aus Deutschland, aber auch viele aus Frankreich und Luxemburg. Manche Menschen arbeiten in Deutschland und wohnen in Frankreich oder Luxemburg. Oder umgekehrt. Einfach weil es dort schöner ist. Oder billiger.

All das ist für mich ganz normal.

Genauso wie mein Erlebnis Ende letzten Jahres.

Wir packen uns ins Auto, um zu einem Konzert zu fahren. Eine Stunde Fahrt zur Location, Vorband und Band angehört und später wieder zurück. Du fragst dich, was die Besonderheit daran ist?

Mit allen Details lautet die Geschichte folgendermaßen:

Drei Deutsche fahren zu einem Konzert nach Luxembourg. Dort spielt an diesem Abend eine Band aus Österreich. Die Vorband stammt ebenfalls aus Deutschland, aber zwei der drei Mitglieder sind gebürtige Türken. Daher werden alle Lieder auf Türkisch gesungen. Wir verstehen kein Wort, aber der Rhythmus der Musik geht sofort in die Beine. Nicht nur wir können das spüren, alle im Raum tanzen zu den orientalisch angehauchten Klängen.

In der Pause sehe ich mich im Saal um. Es sind Menschen aus mindestens drei Ländern hier: Luxemburger, Franzosen, Deutsche. Vielleicht noch ein paar österreichische Fans, die mit der Band mitgereist sind. Ich fühle mich in diesem Moment einfach nur unglaublich wohl inmitten dieses Gewirrs an Menschen und Sprachen um mich herum.

An der Bar werden wir mit dem luxemburgischen „Moien“ begrüßt. Ähnlich wie dem norddeutschen „Moin“ ein Gruß, der zu jeder Tages- und Nachtzeit verwendet werden kann. Unsere Bestellung versteht der Barkeeper aber auch auf Deutsch, genau wie auf Französisch für den Gast hinter uns.

Während die Band spielt lächle ich in mich hinein und denke daran, wie normal das alles ist. Wie normal es ist, ohne sichtbare Grenzen aufzuwachsen. Wie normal es ist, von einem Land ins nächste zu gelangen. Da ich EU-Bürger bin kann ich in ca. 25 Länder einreisen, ohne dass ich meinen Personalausweis vorzeigen muss. Dem Schengen-Abkommen sei Dank! In mindestens 6 weitere Länder kann ich reisen, nur mit dem Personalausweis, ohne Reisepass! Der EU sei Dank.

Ich könnte in Frankreich wohnen und in Deutschland arbeiten. Oder umgekehrt. Oder in Deutschland wohnen und in Luxemburg arbeiten. Ich hab die freie Wahl.

Und verdammt, ich liebe diese Freiheit. Ich liebe es, hier in Europa zu wohnen. Und verdammt, ich will keine Zäune und Mauern an unseren Grenzen. Nicht innerhalb Europas, nicht außen.

Ich hasse es, wenn jetzt Grenzen hochgezogen werden um Menschen auszuschließen. Vor allem die Menschen, die unsere Hilfe brauchen. Natürlich sind nicht alle Menschen nett. Natürlich gibt es in jeder Kultur und in jedem Land radikale, gewaltbereite Idioten. Im Christentum genauso wie im Islam. In Frankreich genauso wie in Deutschland. Oder in Syrien, Norwegen, wo auch immer.

Doch das bedeutet nicht, dass alle Menschen schlecht sind, die zufällig in demselben Land geboren wurden. Niemand kann etwas dafür, wo er geboren wird. Niemand kann etwas dafür, mit welchem Aussehen oder welcher Nationalität er geboren wird. Aber jeder kann versuchen, das Beste daraus zu machen. Und wir sollten jedem Menschen die Chance dazu geben. Egal wo auf dieser Welt er das tun will.

Natürlich sollen Straftaten bestraft werden. Aber lasst uns die Täter bestrafen, nicht die Nation. Jeder sollte seine Religion frei ausüben können, immerhin ist Religionsfreiheit ein Grundgesetz. Und die Menschen die fürchten wir müssen bald alle zum Islam übertreten, haben meistens selbst schon lang keine christliche Kirche mehr von innen gesehen. 

Natürlich gibt es Macho-Arschlöcher, die Frauen unterdrücken und verletzen. Aber die gibt es auch bei deutschen oder europäischen Männern. Die Frauenrechte und Gesetze zum Schutz von Frauen in Deutschland existieren auch erst seit ein paar Jahrzehnten. Doch noch heute brauchen wir Gesetze wie die Frauenquote. Noch heute brauchen wir Frauenhäuser. 

Wie friedlich deutsche Männer sind kann man sich auch ständig bei Bundesligaspielen ansehen. Wehe, wenn die eigene Mannschaft verliert und der Hardcore-Fan trifft den Fan der gegnerischen Mannschaft nach dem Spiel auf der Straße. Natürlich sind nicht alle so. Andere Fans liegen sich mit dem Gegner nach dem Spiel in den Armen und feiern gemeinsam. 

Ich denke, jeder Mensch ist dazu fähig Gutes wie Böses zu tun. Jeder von uns.

Jeder Mensch hat die Wahl, was er tut. Und genau danach sollten wir ihn beurteilen. Es ist egal wo du geboren wirst, wie du aufwächst, wie du aussiehst, welcher Religion du angehörst oder welcher politischen Richtung. Du triffst die Entscheidung, was du tust und welcher Mensch du bist.

Ich will keine Grenzen in Europa. Ich will eigentlich nirgendwo Grenzen. Diese Welt ist voller Wunder und ich will einfach umherstreifen und sie mir ansehen. Auf meinem Weg will ich Menschen von überall her treffen. Menschen die einen Geburtsort haben und einen Ort, an dem sie leben. Menschen die ihre Glaubenssätze tagtäglich neu in Frage stellen. Menschen, die dich nicht nach deinem Aussehen sondern nach deinem Handeln beurteilen. Menschen aus allen Nationen, die zusammen lachen, tanzen und feiern. Die sich unterhalten, manchmal auch auf drei Sprachen gleichzeitig und wenn es sein muss auch noch mit Händen und Füßen. Menschen, die teilen und sich helfen. Menschen, die auch mal nicht einer Meinung sind, aber trotzdem als Nachbarn leben können.

Das ist die Welt und das Europa, in dem ich aufgewachsen bin und leben will.

Ich hoffe dass wir dieses grenzoffene Europa noch lange erleben können.

Lass uns aufhören, Angst vor Menschen und Situationen zu haben, die neu und anders sind. Wir sollten neugierig sein, offen dafür Neues zu lernen und unsere Glaubenssätze täglich neu zu überdenken.

Ein irisches Sprichwort sagt:

Ein Fremder ist ein Freund, den man noch nicht kennt.

Wir sollten bei uns selbst anfangen und die Grenzen auch in unseren Köpfen einreißen. Geben wir jedem Menschen die Chance, uns selbst zu zeigen, was für ein Mensch er ist. Durch seine Taten und Worte, aber nicht durch sein Aussehen oder seinen Geburtsort.

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