Warum du mich beurteilen, aber niemals verurteilen darfst

Die deutsche Sprache ist manchmal recht tricky. Eine kleine Vorsilbe kann einen riesigen Unterschied ausmachen. Etwa wenn es darum geht, sich ein Urteil zu bilden. Zwei fast gleiche Wörter, die fast das gleiche beschreiben. Doch nur das eine ist ok, wohingegen du das andere niemals tun solltest.

Madeleine von dariadaria hat einen interessanten Artikel zu dem Thema verfasst, sich ein Urteil zu bilden. Hier geht es um das Septum-Piercing und wie ein solch kleines Schmuckstück die zwiespältigsten Kommentare hervorruft.

Einen Kommentar fand ich besonders interessant. Ein Leser hat die Frage gestellt, ob Madeleine und andere Leser der Meinung sind, dass jeder sich kleiden und zeigen kann wie er will und niemand das Recht hat, ihn zu be- oder verurteilen.

Zuerst hab ich lauthals: ja! gerufen und auch so kommentiert. Doch bei näherem Hinsehen ist mir die Vorsilbe ins Auge gefallen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, wir haben es hier mit zwei völlig unterschiedlichen Dingen zu tun:

Be-urteilen und ver-urteilen.

Wir beurteilen täglich alles um uns herum. Das ist nicht nur völlig in Ordnung, sondern sogar wichtig. Um ein gutes Leben zu führen und mit unserer Umwelt und den Menschen um uns herum klarzukommen. Wir beurteilen, wie das Wetter ist und ziehen entsprechende Kleidung an. Wir beurteilen unseren Appetit um zu wissen, wann und worauf wir Hunger haben. Wir beurteilen die aktuelle Bekleidungsmode ob sie uns gefällt und kaufen uns eine Ultra-Slim-Skinny-Jeans oder eben nicht.

Und ja, wir beurteilen die Menschen um uns herum um herauszufinden, wer sie sind. Welche Werte und Glaubenssätze sie haben. Welchen Modegeschmack, welche Charakterzüge, welche Träume, Ziele und Pläne.

Auch das ist wichtig, um zu entscheiden, welche Menschen wir in unser Leben lassen. Weil sie uns guttun und unser Leben bereichern. Oder von welchen Menschen wir lieber Abstand nehmen, weil sie uns runterziehen, wehtun oder einfach nicht die gleichen Werte teilen.

Beurteilen ist daher essentiell und lebensnotwendig, um Entscheidungen zu treffen.

Doch niemals, niemals sollten wir einen anderen Menschen ver-urteilen! Dazu hat niemand das Recht.

Es gibt eine kleine Ausnahme. Die besteht daran, wenn jemand uns oder einer anderen Person absichtlich schadet oder schaden möchte. Aber für einen solchen Fall gibt es Menschen, deren Beruf es ist, andere Menschen auch mal zu verurteilen. Man nennt sie Richter. Sie, und nur sie, haben das Recht dazu.

Aber auch sie haben in diesem Fall ihre Vorgaben. Sie müssen unparteiisch sein. Sie müssen sich alle Beweise anhören. Auf Grund von diesen Informationen und der aktuellen Gesetzeslage müssen sie ihr Urteil fällen. Egal wie ihre persönlichen Werte sind, egal woran sie persönlich glauben. All das spielt keine Rolle, es ist komplett irrelevant. Aber auch Richter dürfen das nur während der Ausübung ihres Jobs tun.

beurteilen vs. verurteilen

Was bedeutet das für dich?

Ich kann es nur noch einmal wiederholen. Du hast niemals das Recht einen anderen Menschen zu verurteilen!

Auch nicht wegen der Art wie derjenige sich kleidet oder zeigt!

Alles was du darfst und unbedingt tun solltest, ist zu be-urteilen. (Beachte die Vorsilbe!)

Doch wie beurteilst du eigentlich?

Ich denke, es gibt nur ein Kriterium, das für deine Beurteilung wichtig ist:

Sammele Informationen

Wenn du in ein neues Land verreisen willst, musst du Informationen sammeln. Was gibt’s dort zu sehen und zu tun? Welche Sprache wird dort gesprochen? Wie komme ich dorthin? Wann sollte ich dorthin verreisen? Wo bekomme ich Tickets her? Was kostet mich das alles?

Aufgrund dieser Informationen entscheidest du, ob du diese Reise antreten willst oder nicht. Vielleicht änderst du dein Verhalten für die Reise. Etwa für die Reisekasse sparen oder eine neue Sprache lernen. Oder du wirfst die Glaubenssätze über Bord, schon wieder Cluburlaub zu buchen und lässt dich einfach mal aufs Backpacking ein. Auch wenn du danach feststellst, dass du das nächste Mal doch wieder ins Clubhotel fährst.

Das bedeutet, du lässt dich auf etwas Neues ein was du vorher noch nicht kanntest und beurteilst ob es für dich funktioniert.

Genauso ist es, wenn du einen Menschen triffst. Vor allem wenn es ein Mensch ist, den du vorher noch nicht kanntest. Aber auch wenn du ihn schon kennst jedes Mal aufs Neue.

Auch hier ist das Erste was du tun solltest, Informationen sammeln. Das geht bei einem Menschen meist sehr einfach, nämlich in dem du fragst. Wenn es dir sonderbar vorkommt, dass dieser Mensch pinke Haare hat, frag ihn, was ihn dazu bewogen hat. Oder warum er dieses Tattoo trägt. Oder warum er Mitglied dieses oder jenes Vereins ist. Egal was dieser Mensch anders macht als du oder egal warum er anders aussieht. Frag warum.

Natürlich kannst du auch fragen, warum diese Person etwas genauso macht wie du. Warum er die gleichen Dinge mag. Du kennst deinen Grund, aber ist es nicht spannend einen neuen Grund dafür rauszufinden?

Wenn du zum Beispiel die Serie Game of Thrones magst. Du weißt, warum es deine Lieblingsserie ist. Aber schaut dein Gegenüber sie sich an? Es gibt tausende Gründe, sie zu mögen und auch tausende, sie nicht zu mögen. Ist es nicht spannend immer wieder neue Ansichten dazu zu erhalten und deine Lieblingsserie so immer wieder neu zu sehen?

Als Gegenbeispiel nehmen wir an du magst keinen Fußball. Aber du unterhältst dich mit einem eingefleischten Fußballfan um rauszufinden, was für ihn die Faszination dieses Sports ausmacht. Er wird dir mit Sicherheit antworten und vielleicht siehst du den Sport danach mit neuen Augen. Vielleicht entscheidest du danach, dass Fußball für dich immer noch nicht funktioniert. Egal wie deine Entscheidung ausfällt. Du hast Informationen gesammelt, etwas für dich neu beurteilt und danach eine Entscheidung getroffen. Perfekt.

Siehst du, so einfach ist das. Nur weil du Fußball nicht magst, hast du kein Recht jemanden zu verurteilen, weil er Fußballfan ist. Du kannst nur be-urteilen, ob es deinen Werten entspricht, dir Spaß macht, dich interessiert oder sonstwie für dich funktioniert oder eben nicht.

Das sind natürlich nur Beispiele, aber es funktioniert mit allem anderen gleich. Mit Modegeschmack, politischen oder religiösen Ansichten, der Berufswahl…mir fällt nichts ein, wo es nicht anwendbar ist. Wenn dir was einfällt, lass uns gerne in den Kommentaren darüber diskutieren.

Ich wiederhole es nochmal, weil es so wichtig ist: Sammele Informationen.

Sprich mit allen möglichen Menschen und stell tausend Fragen. Lies so viele Bücher wie du kannst. Hör dir Podcasts an. Sie dir Dokumentationen an. Reise um die ganze Welt. Probiere ständig neue Dinge aus. Wo auch immer du die Informationen findest.

Alles was du zu wissen glaubst ist das was du heute weißt. Morgen ist ein neuer Tag an dem du eine ganz neue Welt mit einem ganz neuen Horizont entdecken kannst. Wenn du heute noch denkst, die Erde sei flach lernst du morgen vielleicht, dass sie eine Kugel ist.

Lass dich drauf ein und beurteile ständig neu. Aber verurteile niemals.

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Ich bin Sarah. Musikerin, Nerd und hazeleyednerd in Person. Wenn du mehr über mich erfahren willst, kannst du das hier tun.

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